Die Wackelzahnpubertät

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Olivia
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Ich bin Liv. Geboren, um die Welt zu entdecken. Zuhause ist für mich der Ort, an den mich mein Herz gerade führt. Ich bin digitaler Nomade aus Überzeugung und kann so Job und meine große Leidenschaft - das Reisen - perfekt miteinander verbinden. Auf der wohl spannendsten Reise meines Lebens nehme ich Euch hier bei den MamiBees gerne ein Stückchen mit.

Die gute Nachricht zuerst: sie geht vorbei. Im besten Fall, so wie sie kam: plötzlich, heimlich, still und leise. Im schlimmsten Fall… Nein, daran wollen wir nicht denken! Die Rede ist von der sogenannten „Wackelzahnpubertät“. Nie gehört? Super, ich drücke die Daumen, dass es so bleibt. Eltern, die jetzt aber zumindest ein bisschen hellhörig werden, ahnen schon, was sich hinter diesem putzigen Begriff verbirgt: ein Versuch, Trotz- und vor allem Wutanfälle von ab 5-Jährigen, die aus heiterem Himmel kommen, zu erklären. Die Gründe sind fast immer total banal, das Ergebnis erschreckend.

Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ich habe Bekanntschaft mit dieser mir völlig unbekannten Seite meines Kindes gemacht, als er etwa fünfeinhalb war. Es spielte, während ich dem Geschwisterchen etwas vorgelesen habe. Plötzlich taucht ein kleines, wütendes Gesicht vor mir auf und brüllt „Jetzt sind alle leise!“. Ich, nichtsahnend, bekam gerade noch ein „Ok, aber warum?“ raus. Das Kind flippte völlig aus. Er warf sich auf den Boden, heulte, schrie, hielt sich die Ohren zu.

Die Trotzphase hatten wir einigermaßen glimpflich überstanden. So kam es auch, das ich mit dieser krassen Art von Stimmungsschwankungen bislang noch keine Erfahrung gemacht hatte. Ich tat es zunächst als Versuch ab, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich fand es sogar ein bisschen lustig. Entschuldigung, aber von jetzt auf gleich – knallrot im Gesicht – Wutzwerg deluxe. Mein kleineres Kind war auch fassungslos und fragte mich, was mit dem großen Bruder nur los ist.

Aber die bitterlich geweinten Tränen, die sonst wirklich nur kullern, wenn etwas richtig weh tut, machten mich stutzig. Ich tröstete. Besser, ich versuchte es. Gut zureden half absolut nichts, in den Arm nehmen ging erst nach einigem Widerstand. Also hielt ich das Kind und streichelte den Rücken. Ohne etwas zu sagen.

Das Gewitter war schnell vorbei. Ich fragte später nach, was los war. Ob die Ohren weh tun würden oder woher der plötzliche Wunsch nach Ruhe kam. Achselzucken. Weiterspielen. „Mich hat das halt gestört.“ Aha.

Die nächste Krise mit schreien, weinen und auf den Boden werfen ließ nicht lange auf sich warten. Den genauen Grund weiß ich nicht mehr, aber die Situation war genauso banal wie beim ersten Mal. Und er war genauso schnell wieder vorbei. Ich kaufte mir das Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“* von Graf und Seide in der Hoffnung, das es mir hilft, mein Kind zu verstehen.

Mal ganz davon abgesehen, dass mir aber die Zeit zum Lesen fehlte, war das Kind wochenlang total normal. Wie früher. Ich vergaß das Buch und die Trotzanfälle und wurde eiskalt erwischt. Dieses Mal im Supermarkt. Es ging nicht um Süßigkeiten oder darum, etwas haben zu wollen, sondern um einen Liter Milch, den ich in den Wagen gelegt hatte, anstatt ihm den Tetra Pak weiter zu geben. Es half übrigens nicht, die Milch wieder auszuladen und nochmal von vorne zu beginnen. Das Kind war in den Brunnen gefallen. Und ich konnte nur hilflos zuschauen, wie es strampelte. Ein Trotzanfall wie aus dem Lehrbuch. 

Einfach kann jeder

Dummerweise passieren diese Ausraster ja bevorzugt dann, wenn man selber im Stress ist. Ich kann mir also noch so oft vornehmen, Verständnis für die Situation aufzubringen, nicht zu schimpfen und keinen „wenn…dann“-Satz einzusetzen. Bin ich selber unentspannt, potenziert sich das Wutlevel auf beiden Seiten in schwindelerregende Höhen.

Bei mir endete der Einkauf wortlos, ich schiebe das schreiende Kind zur Kasse, entschuldige mich bei der Verkäuferin und ignoriere den Wutzwerg. Fühlt es sich richtig an? Nein.

Aber mal ehrlich, welche Möglichkeiten bleiben einem? Option a) Ärger runterschlucken, nett sagen, man hat das Kind trotzdem lieb. Option b) Kind anschreien und zurück motzen. Option c) Kind ignorieren. Je nach Situation entscheide ich mich wahlweise für Möglichkeit a), b) oder c). Was bleibt sind die Zweifel. Die Zweifel an sich selbst. Ehrlich. Aber eine Lösung hat man nicht. Weil: wo ist eigentlich das Problem?!

Die Wackelzahnpubertät

Mütter reden ja generell gern miteinander. Auch in diesem Fall wurden die befreundeten Mamis vorsichtig zu Rate gezogen. Ob sie denn auch manchmal so Ausraster zu beklagen hätten? Die einen kannten zwar Wutanfälle, aber auch den dazugehörigen Grund, die anderen guckten ein bisschen betreten. Und eine sagte wissend und verständnisvoll: „Das ist bestimmt die Wackelzahnpubertät. Das kann dauern, bis kein Zahn mehr wackelt und die echte Pubertät beginnt.“

Oh Gott. Panik. Aber auch Erleichterung. Ich bin nicht allein. Das Kind ist normal. Beziehungsweise nicht anders, als viele andere im gleichen Alter. Ich als Mutter habe nichts falsch gemacht oder einen Tyrannen aufgezogen. Ich muss jetzt „einfach“ nur aufpassen, wie ich in solchen Situationen reagiere. 

Wackelzahnpubertät – Was tun?

Richtig reagieren. Wenn das nur so einfach wäre. Was heute gut ist, kann morgen schon superschlimm sein. Das Lieblingswort meines Kindes? „Nein“. Zu allem. Und wenn man es von etwas überzeugen will, dann tappt man dem 5-Jährigen in die Diskussionsfalle. Der blanke Horror. Wirklich. Ich muss mir tatsächlich immer vor Augen halten, mein Gegenüber ist ein Kind, ich DARF nicht mit ihm diskutieren, als wäre er erwachsen. Auch dann nicht, wenn er so spricht. Er ist immer noch ein Kind. Man kann mit ihm streiten, aber es muss auf SEINER Augenhöhe sein. Und diese Augenhöhe ist ganz oft unter meiner Gürtellinie. Klingt fies, ist aber so.

Mir tut es unglaublich weh, wenn mein Kind zu mir sagt, dass ich die doofste Mama der Welt bin und es mich nicht mehr lieb hat. Obwohl ich natürlich weiß, dass es mich lieb hat. Ich habe mich schlecht gefühlt, weil mein Kind so ausrastet und solche Dinge sagt und ich so unglaublich wütend werde. Und dann fühle ich mich hilflos, weil ich kann ja schlecht sagen, dass ich es auch nicht mehr lieb habe.

Und egal, mit wem man redet, hat die Wackelzahnpubertät ein Kind erreicht, werden aus friedlichen Kindern von jetzt auf gleich kleine Pubertiere. Nicht zu glauben, würde man es nicht selber sehen. Und Mütter, tiefenentspannt, mit der Kindswandlung hilflos, wütend, heulend. Manche Kaffeetreffen waren an Dramatik nicht mehr zu überbieten.

Dummerweise gibt es aber kein Patentrezept dafür, wie man Kindern am besten durch diese labile Phase hilft. Aber möglicherweise helfen diese Ideen dabei:

  • Manche Kinder brauchen in dieser Zeit körperlich das Gefühl, gehalten zu werden um sich geborgen zu fühlen.
  • Schenkt eurem Kind Aufmerksamkeit und bringt Verständnis für die Situation auf.
  • Atmet tief durch. Am besten zusammen.
  • Fragt nach, ob das Kind mit euch sprechen will, wenn die erste Panik verflogen ist. Will es nicht, bohrt nicht weiter.

Laut Experten passieren die schlimmsten Wutanfälle vor den Menschen, die die Kleinen am meisten lieben. Bei ihnen können sie sich sicher sein, dass sie auch dann geliebt werden, wenn sie völlig austicken. Kann ich es also als Kompliment ansehen, wenn ich die doofste Mama der Welt bin? In bestimmten Situationen klammert man sich an jeden Strohhalm, also auch an so einen… 

Wackeln die Zähne, wackelt die Seele.

Wenn ich aber der Mensch bin, dem das Kind am meisten vertraut, dann muss ich auch der Mensch sein, der ihm in dieser schwierigen Situation hilft und Verständnis zeigt. Für die Veränderungen, die im Körper passieren und für die Veränderung, die das Alter mit sich bringt.

Die kleinen Arme und Beine beginnen verstärkt zu wachsen, der Rumpf wird schmaler und der ganze Körper wirkt so insgesamt länger und schmaler, weniger kindlich. Hallo Wachstumsschub. Die Knochen tun weh, man schläft schlechter, Feinmotorik ade.

Mit der körperlichen Veränderung geht auch eine seelische Entwicklung einher. Sie sind in einer schwierigen Phase zwischen Klein- und Großkind. Meistens beginnt der Zahnwechsel ja kurz vor der Einschulung. Es ist Vorschulzeit und alle reden davon, dass man bald ein Schulkind ist, aber keiner sagt genau, was das bedeutet. Erwartungen werden geschürt. Armes Kind, da kann man schon mal eine patzige Antwort geben. Ich darf mich nicht davon provozieren lassen.

Ich muss sein Selbstbewusstsein stärken, dem Wackelzahnpubertier sagen, dass es in Ordnung ist, etwas blöd zu finden, nicht zu mögen und genervt von etwas zu sein. Es ist nicht notwendig zu schreien, zu weinen oder zu toben, um die eigene Meinung zu unterstreichen. Wenn das Kind das Gefühl hat, es wird nicht ernst genommen, soll es das sagen. Wir als Eltern sollten hinter unserem Kind stehen und es nicht als kindlichen Schwachsinn abtun, wenn es vor anderen Erwachsenen seine Ansicht kund tut.

Findet heraus, warum eine Sache nicht gut ist. Packt doch mal alle Gründe für Schlafenszeit um 19h auf den Tisch. Ich nenn meine und der Nachwuchs seine, die dagegen sprechen. Erklärt, warum manche Dinge eben nicht gehen oder sein müssen. Findet auch mal Kompromisse. Und behaltet im Hinterkopf, dass ein 5-, 6-, 7-jähriges Kind vielleicht denkt, dass es weiß, was es will, aber eben nur in einer bestimmten Situation. So blöd der Satz „ich entscheide, weil ich die Mama bin“ auch manchmal klingt, er ist es nicht.

Augen zu und durch – Wie übersteht man die Wackelzahnpubertät?

Nachweislich helfen feste Strukturen im Familienalltag, Wutausbrüchen vorzubeugen. Ein strukturierter Alltag gibt Sicherheit und vermittelt Harmonie. Der Nachwuchs weiß, was wann passiert und gemacht wird. Wenn die Uhr 5 zeigt, gibt es Abendessen, um kurz vor fünf die Briobahn auszupacken, bringt also nichts, das ist dem Kind selbst klar. Ausraster vorgebeugt. Natürlich bedeutet das jetzt nicht, dass der Tag komplett durchgeplant werden soll, aber ein paar Anhaltspunkte helfen unseren kleinen Großen, sich selbst zu orientieren.

Nachdem diese Phase meistens in einem Alter ab 5 auftaucht, kann man das Selbstbewusstsein auch mit bestimmten Aufgaben im Haushalt stärken. Etwas, das nur das Kind machen darf, nichts banales, etwas, was ihm wichtig ist. Lichter am Abend vor dem Schlafengehen ausmachen. Die Haustür zusperren. Die großen Teller aus dem Geschirrspüler nehmen. Den Tisch decken. Und gleichzeitig das Selbstbewusstsein stärken, indem man das Kind aber auch so annimmt, wie es ist. Wie schon oft gesagt, jedes Kind ist anders, wenn meins aufblüht, weil es den Tisch decken darf, kann deins glücklich sein, wenn es ein Malbuch benutzen kann und bei dir sitzt. 

Schwierig ist sie trotzdem, die Suche nach der richtigen Balance zwischen Erwartung und Realität. Kann ich von meinem Kind erwarten, dass es sein Bett selber macht und darf ich enttäuscht sein, wenn es nicht klappt? Es gibt Kinder, die einen wahnsinnigen Ehrgeiz entwickeln, wenn sie etwas nicht aufs erste Mal schaffen. Es gibt aber auch welche, die sich dann selbst unter Druck setzen und dadurch launisch oder gereizt werden. Erwartungsdruck in frühem Alter kann auch zu Wutausbrüchen führen, selbst, wenn es vom Kind selbst kommt. Der Satz „XY kann aber schon…“ bringt Kinder innerlich oft zum brodeln. Und wie oft sagt man das vor allem im Beisein anderer. Unbedacht, jeder ist stolz auf sein Kind, manchmal passiert es auch, um das andere Kind ein bisschen hervorzuheben und ist definitiv nicht böse gemeint. Aber je älter die kleinen werden, desto mehr nehmen sie sich zu Herzen.

Darwin lässt grüßen

Mittlerweile ist bei uns Ruhe eingekehrt. Die Ruhe vor dem Sturm? Ich weiß es nicht ich hoffe nicht. Aber ich weiß, dass es ok ist, wenn ein Kind ausflippt. Und dass es ok ist, wenn ich als Mama am liebsten ins Kopfkissen beißen würde vor Wut.

Egal, wie viele Menschen einen im Supermarkt anschauen, wenn das Kind schreit, wer selber Kinder hat, verurteilt nicht, sondern hat Mitleid. Und die anderen, ach, ganz ehrlich, man hat schon genug mit dem Kind zu tun, als dass man sich um die anderen auch noch kümmern könnte.

Und wer weiß, vielleicht fallen die Zähne superschnell aus, und es ist bald vorbei und weil wir schon die kleine Pubertät miterleben mussten, trifft uns die nächste nicht so hart? Oder vielleicht ist die Wackelzahnpubertät auch nur ein weiterer Schritt der Evolution, die uns auf die Freuden der Teenagerzeit vorbereitet?  Ich weiß es nicht genau, aber sehen wir es positiv: wenn die Teenagerpubertät kommt, ist die der Wackelzähne vorbei.

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